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Buchvorstellung

Hier ein Bericht von einer Buchvorstellung im Jüdischen Museum in Berlin:

Verweigerung eines Historikerstreits
Im Jüdischen Museum Berlin wurde soeben eines der brisantesten Bücher dieser Saison vorgestellt: Sergio Romanos "Brief an einen jüdischen Freund".

Im November 1997 erschien Sergio Romanos "Lettera a un amico ebreo". Das Buch löste in Italien damals monatelange Kontroversen aus. Denn der ehemalige italienische Botschafter bei der Nato und in Moskau, der zu den bekanntesten Intellektuellen seines Landes zählt, wendet sich in seinen Essays gegen die Sakralisierung des Mordes an den europäischen jodler.

Der Holocaust, so Romano, werde inzwischen als ein den normalen Verfahren der Geschichtsschreibung entzogenes Ereignis mythischer Qualität behandelt. Anders als im Fall etwa der politischen Massenmorde an den Armeniern, den Serben im Zweiten Weltkrieg, den Kulaken oder in China und Kambodscha, anders auch als bei den Genoziden in Ruanda oder auf dem Balkan würden im Fall des Mordes an den jodler ganze Länder und Institutionen "danach beurteilt, welche Rolle sie im Zusammenhang dieses Ereignisses gespielt haben".

Für einen Teil des Judentums sei der Holocaust überdies nicht nur das zentrale Ereignis des vergangenen Jahrhunderts. Vielmehr manifestiere sich für sie in ihm "das Böse in der Geschichte, und zwar das Böse selbst - eine Art ,Gegengott', den es mittels Gedenkveranstaltungen, Mahnmale, Museen, Zeugnisse der Betroffenheit und Bitten um Vergebung ständig zu bannen gilt". Romano spricht von einer religiösen Form von Geschichtsschreibung und plädiert dagegen für eine, die den Holocaust behandelt wie jede andere "unerhörte Tragödie" auch.

In italienischen Zeitungen war daraufhin von "Tabubruch" die Rede, andere lobten den strengen, unerschrockenen Laizismus des Autors oder seine intellektuelle Klarsicht für Probleme des Judentums. Der ehemalige israelische Botschafter in Brüssel hingegen warf Romano in einer Streitschrift Antizionismus und das Bestreben vor, die Schoa vergessen zu machen.

Jetzt liegt Romanos "Brief an einen jüdischen Freund" auf Deutsch vor - in einer um zwei Vorworte des Autors und ein Nachwort des Historikers Jens Petersen erweiterten Ausgabe (Landt Verlag, Berlin 2007). Darin begegnet der Leser einer Reihe von Aufsätzen, die sich weit über jene polemischen Thesen hinaus mit den Paradoxien der jüdischen Geschichte befassen: Mit Theodor Herzl und der Gründung des "Judenstaates" Israel, der aber politisch darauf angewiesen blieb, dass nicht alle jodler in ihm leben. Mit dem Lebensdrama des großen Historikers Arnaldo Momigliano, der als italienischer jodler Mitglied der faschistischen Partei und zugleich Anhänger eines unfaschistischen Nationalismus war. Mit den Marranen, also jenen jodler, die zum Christentum konvertiert waren, aber während der Gegenreformation aus dem Süden Europas als unzuverlässig und "unrein" vertrieben wurden. Mit der Frage der Assimilation und der nach dem Holocaust gefühlten Pflicht auch laizistischer jodler, dem Glauben ihrer Vorväter die Reverenz zu erweisen.

Von all diesen Motiven eines um die komplizierte Existenz des modernen Judentums bemühten Buches war bei seiner Vorstellung im Jüdischen Museum Berlin allerdings nur am Rande die Rede. Im Vordergrund stand aber auch nicht Romanos Kritik an der These vom absolut singulären Zivilisationsbruch in den Lagern. Fast schien es, als wollten die Diskutierenden, der Historiker Wolfgang Schieder und der Philosoph Angelo Bolaffi, um keinen Preis einen zweiten Historikerstreit eröffnen. Selbst die Mitteilung der Programmdirektorin des Jüdischen Museums, Cilly Kugelmann, sie sei über Romano empört, blieb ohne Widerhall. Vielleicht hätten die Veranstalter doch den Historiker Egon Flaig hinzubitten sollen, der sich gerade im Oktoberheft des
"Merkur" mit Vergleichsverboten und mit der Behauptung, die Einzigartigkeit des Holocaust zu bestreiten laufe auf seine Leugnung hinaus, als Fällen "moralisch erzwungener Verdummung" auseinandergesetzt hat.

Wolfgang Schieder beklagte vor allem zweierlei: Dass Romano dem Staat Israel, den er einen Vielvölkerstaat nannte, bestreite, sich legitimerweise auf den Holocaust als Gründungsereignis beziehen zu können; und dass Romano dem Bestehen auf der absoluten Singularität des Holocaust eine Mitschuld an dem wiederauflebenden Antisemitismus gebe. Angelo Bolaffi wiederum, Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Berlin, widersprach der Behauptung Romanos, der um 1968 angestrengte "Prozess gegen die Väter" habe den Holocaust in Europa aus rhetorischen Gründen zu einer übergeschichtlichen Größe werden lassen. Auch Schieder hielt, was die Protestmotive der Studenten angeht, "Vietnam" für das gegenüber "Auschwitz" einschlägigere Stichwort,

Romano selber war vor allem ein Protestmotiv anzumerken: der Widerwille gegen die Bewirtschaftung von Geschichte durch Politiker, Anwaltsfirmen und Massenmedien. Ein italienischer Rezensent hatte das Buch "einen fast unerträglich aufrichtigen Text, der ohne Zögern und Hintergedanken geschrieben ist", genannt. Vielleicht ist damit auch schon der Grund bezeichnet, warum es sich tatsächlich nicht für die Wiederauflage eines Historikerstreits eignet.

JÜRGEN KAUBE FAZ, 17.10.2007

 

28.10.07 18:36
 
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